Polnische Weihnachten: 12 Gerichte und kein Fleisch

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Events | 10. Januar 2016 | Von

Weihnachten ist zwar einige Wochen her, doch diesen Beitrag wollte ich nicht erst zum nächsten Fest veröffentlichen. Ich präsentiere den polnischen Heiligabend!

Essen zu Weihnachten

So sieht der gedeckte Weihnachtstisch aus

Polnisches Weihnachten mit Karpfen

Wigilia ist das polnische Wort für Weihnachten und steht traditionell für sehr viel leckeres Essen. Zu Weihnachten brodelt es in unserer Küche schon Tage vorher und nur ein Kühlschrank ist definitiv zu wenig, auch wenn wir eine vierköpfige Familie sind. Es kommt immer ein zweiter Kühlschrank zum Einsatz. Das große Essen gibt es am 24. Dezember ab spätestens 18 Uhr. Man sagt, sobald der erste Stern am Himmel zu sehen ist, beginnt der heilige Abend. Bei uns gibt die Küche den Startschuss. Sobald alle Speisen fertig sind, geht’s los.

Während hierzulande sich viele mit Kartoffelsalat und Würstchen begnügen, wandern bei uns über 12 Gerichte auf den Tisch. Ganz wichtig: Es kommt kein Fleisch auf den Teller. Heiligabend wird Fisch gegessen und Rouladen, Ente und Co. gibt es an den darauf folgenden Tagen. Allen voran wird Karpfen serviert, doch dazu später mehr. Zur Tradition gehört auch dazu, dass bis zum Abendessen der Magen nüchtern bleibt. Dies gilt natürlich nur für feste Nahrung, Getränke sind erlaubt.

Warum 12 Gerichte zu Heiligabend?

Ein Blick in die Bibel verrät es uns: Jesus hatte 12 Apostel um sich. Dieser Zahl wird mit mindestens 12 Gerichten zu Weihnachten gedacht. Außerdem steht die 12 für die Monate eines ganzen Jahres, das mit dem Abendessen am 24.12. nun fast zu Ende ist. Keine Panik: Auch eine Scheibe Brot und die Oblate werden dabei als ganze Mahlzeit gezählt, sodass hier nicht gleich 12 unterschiedliche Essen in mühevoller Arbeit zubereitet werden müssen. Trotzdem, die Küche läuft ab dem 22.12. auf Hochtouren. Was es bei uns zu Hause unter anderem zu Weihnachten gab, möchte ich nun im Folgenden zeigen. Vorab, es gab mehr als nur 12 Gerichte …

Barszcz czerwony: Die Rote-Bete-Suppe aus Polen

Ein absoluter Klassiker der polnischen Küche, der bei uns nicht nur zu Weihnachten auf den Tisch kommt: die Rote-Bete-Suppe oder Barszcz. Sie kommt als Vorspeise zu Heiligabend auf den Teller. Die genaue Zubereitung werde ich in einem anderen Beitrag beschreiben. Wichtig zu wissen ist, dass sie extrem lecker schmeckt und das Rezept im Grunde ganz einfach ist. Ihr dürft eben keine Abneigung gegenüber Roter Bete haben. Als Beilage oder Nudel gibt es die so genannten Uszka bzw. polnische Tortellini. Diese sind mit einer Mischung aus Kraut und Pilzen gefüllt. Wie gesagt, kein Fleisch!

Rote-Bete-Suppe

Rote-Bete-Suppe mit kleinen Tortellini

Diese Uszka (Öhrchen) werden in mühseliger Kleinarbeit von Hand geformt. Es kommt der gleiche Nudelteig zum Einsatz, wie wir ihn schon von den Piroggen kennen. Die Füllung dagegen basiert auf Sauerkraut, getrockneten Pilzen und unterschiedlichen Gewürzen. Sie ist sehr lecker und harmoniert vor allem mit der eher süßlichen Suppe aus Roter Bete.

Füllung aus Kraut

Die Krautfüllung für die Uszka

Polnische uszka

Das sind die polnischen Tortellini oder Uszka

Bohnensuppe mit Möhren

Weiter geht es mit einer Bohnensuppe als zweite Vorspeise. Hierfür Bohnen in Wasser einlegen, einen Tag ziehen lassen und danach zusammen mit Möhren und Sellerie kochen. Dazu kommen Piment, Salz und Pfeffer sowie ein Lorbeerblatt. Verfeinert wird sie mit einem Schuss Sahne. Auch hier folgt das Rezept in einem anderen Beitrag. Begnügt euch also zunächst mit dem Bild. Die Bohnensuppe gehört zu meinen persönlichen Lieblingssuppen aus Polen.

Bohnensuppe

Bohnensuppe mit Sahne

Heringe in Öl eingelegt

Wie bereits angedeutet, es kommt viel Fisch auf den Tisch! Auch hier spielt die Bibel eine entscheidende Rolle. Zu Weihnachten herrscht Fastenzeit. Der Fleischverzehr ist deshalb verboten. Ein weiterer Klassiker ist der eingelegte Hering. Diesen kaufen wir bereits in Salzlake und legen ihn nochmal in Zwiebeln und Öl ein. Er sorgt zwar nicht für den besten Mundgeruch, doch zum Schnäpschen ist er ein guter Begleiter. Die Zubereitung ist simpel. Kauft Hering in Salzlake, spült ihn ab und legt ihn dann für zwei Tage in Öl und Zwiebeln ein.

Hering enlegen in Salzlake

Hering in Salzlake

Heringfilets mit Zwiebeln

Eingelegte Heringfilets mit Zwiebeln in Öl

Polnischer Salat und Rote-Bete-Meerrettich

Den polnischen Gemüsesalat habe ich bereits in einem älteren Beitrag erwähnt. Er gehört zu den Gerichten, die jeder mit diesem Land in Verbindung bringt. Ich bin ziemlich sicher, dass es keine polnische Familie gibt, die nicht diesen Salat zubereitet. Er besteht aus festkochenden Kartoffeln, Karotten, Erbsen, Sellerie, Eiern, sauren Gurken und klein gehackten Zwiebeln. Dann alles mit Majonese mischen und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Der nächste Klassisker ist der Rote-Bete-Meerrettich. Hierfür Rote Bete kochen oder im Ofen backen, reiben und mit scharfen Meerrettich mischen. Er dient als Dip bzw. Ketchup-Ersatz und ist außerdem deutlich gesünder. Es gibt keine polnische Weihnachten ohne Rote-Bete-Meerrettich!


Polnischer Gemüsesalat

Polnischer Gemüsesalat wie er sich gehört

Rote Bete und Meerrettich

(von links) Sojasprossen, Rote-Bete-Meerrettich und Oliven

Panierte Champignons

Pilze sind äußerst häufig benutzte Zutaten in der polnischen Küche. Od eingelegt, frisch aus dem Wald in der Pilzpfanne oder getrocknet in Soßen und Suppen – Pilze sind sehr beliebt in Polen und so kommen sie auch zu Weihnachten auf den Tisch. Bei uns gab es in diesem Jahr panierte Champignons. Hierfür Champignons in Mehl wenden, in Ei schwenken und anschließend panieren. Sie sind eine ideale Beilage und können auch in Suppen getunkt werden. Ich liebe sie!

Champignons panieren braten

Panierte Champignons in viel Öl goldbraun braten

Champignons paniert

Panierte Champignons – ein Hochgenuss!

Gefüllte Eier

Das Ei ist nicht nur zu Ostern in Polen ein wichtiger Bestandteil des Essens – auch zu Weihnachten kommen sie in Unmengen in unterschiedliche Speisen auf den Teller. Besonders lecker sind die gefüllten Eier, die wir hierzulande auch „Senfeier“ nennen. Nun, bei uns wurde das Eigelb zwar nicht mit Senf gemixt, geschmeckt haben sie trotzdem. So werden sie gemacht: Eier hart kochen, halbieren und das Eigelb entnehmen. Dieses mit Dill, etwas Majonese, Pfeffer und ein paar Tropfen Olivenöl zu einer Masse mischen. Mit einer Spritze wieder in das Eiweiß drücken und mit Kaviar sowie frischem Dill garnieren.

Gefüllte Eier Füllung

Füllung basierend auf Eigelb

Gefüllte Eier

Gefüllte Eier – die sind wirklich saulecker!

Marinierte Garnelen mit Knoblauch

Seit einigen Jahren gibt es bei uns zu Weihnachten auch immer mehr Meeresfrüchte zu essen. Das finde ich persönlich total gut. Traditionell gab es das allerdings nicht. Dies liegt vor allem daran, dass Meeresfrüchte in Polen damals zu selten und viel zu teuer waren. Man kannte sie einfach nicht. Heute kommen bei uns auf jeden Fall Riesengarnelen auf den Tisch, die vorher in Knoblauch, Dill und Öl eingelegt wurden. Kurz in der Pfanne anbraten und servieren.

Riesengarnelen eingelegt

Riesengarnelen gehören mittlerweile zur Standardausrüstung zu Weihnachten

Marinierte Calamari

Apropos Meeresfrüchte: In diesem Jahr habe ich für ein Novum gesorgt. Es gab marinierte Calamari. Sie sind mittlerweile in fast allen Supermärkten als TK-Ware erhältlich. Deshalb auftauen, in Scheiben schneiden und in eine Mischung aus Zitronensaft, Knoblauch, Honig, Salz, Pfeffer, Dill und Öl einlegen. Für ein bis zwei Stunden im Kühlschrank ziehen lassen und danach scharf anbraten. Sie brauchen nur wenige Minuten in der Pfanne. In einer Schüssel servieren und am Ende nochmal mit Zitronensaft beträufeln. Lecker!

Calamari mariniert

Ein Novum in diesem Jahr: marinierte Calamari in Streifen

Krabbencocktail

Wir hatten auch einen Krabbencocktail. Hierfür Nordseekrabben kaufen und eine Soße aus Ketchup, Majo und etwas Senf mischen. Mit Sahne verdünnen und evtl. ein paar Spritzer Zitronensaft hinzufügen. Bei uns kamen noch frischer Dill und ein paar Erbsen dazu. Tadaaa!

Krabbencocktail machen

Krabbencocktail mit frischem Dill

Räucherfisch – Von Heilbutt bis Lachs

Als edle Delikatesse gibt es leckeren Räucherfisch. Diesen kaufe ich immer in Hamburg ein und fahre ihn zu meiner Familie. Wir essen ihn über die ganzen Festtage immer wieder zwischendurch. Zu unseren Lieblingsfischen zählen der Butterfisch, Heilbutt, Lachs und Aal. Zugegeben, so ein Fisch ist nicht gerade günstig. Ein Mal im Jahr darf man aber etwas mehr ausgeben. Übrigens passt zum Räucherfisch der Rote-Bete-Meerrettich besonders gut.

Räucherfisch zu Weihnachten

Räucherfisch als edle Delikatesse

Der Hauptdarsteller: panierter Karpfen

Kommen wir zum Höhepunkt des Weihnachtsessens, zum Karpfen. Dieser Fisch besitzt eine sehr lange Tradition.

Wieso ist es eigentlich der Weihnachtskarpfen? Schließlich leben in unseren Gewässern zahlreiche andere Speisefische.

Bereits im Mittelalter wurde der Karpfen als ein besonders religiöser Fisch verstanden. Damals glaubte man, im Kopf des Fisches würden sich die Materwerkzeuge Christi befinden. Aus den Knochen des Kopfes soll sich angeblich eine taubenähnliche Gestalt zusammensetzen können, die wiederum an den Heiligen Geist erinnere. (Quelle: Wikipedia). Die Schuppe eines Karpfens soll außerdem Glück bringen. Sie wird im Geldbeutel verwahrt und alle hoffen, dass im nächsten Jahr die Finanzen ein bisschen besser ausschauen. Es funktioniert leider nicht so gut, ich spreche aus Erfahrung … 🙂

Der Karpfen ist in seiner Zubereitung ziemlich einfach. Er wird zerteilt, paniert und in der Pfanne goldbraun gebraten. Achtet darauf, dass ihr den Fisch in einer sauberen Zucht einkauft. Karpfen kann modrig schmecken. Das kommt immer auf das Gewässer an, in welchem er vorher gelebt hat. Je sauberer das Wasser desto besser. Der Fisch ist sehr fettig und trocknet nicht so schnell aus. Er hat einen einzigartigen, etwas süßlichen Geschmack. Solltet ihr noch nie einen Karpfen probiert haben, macht es!

Weihnachtskarpfen zu Heiligabend

Karpfen zu Weihnachten – hier frisch vom Züchter

Karpfen paniert

Damit wären wir am Ende angelangt. Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in die Festtagsküche einer polnischen Familie geben. Ihr seht, wir hatten deutlich mehr als 12 Speisen auf dem Tisch. Das ist auch gut so, denn es schmeckt einfach alles ganz wunderbar. Ihr werdet nun sicher verstehen, weswegen viele Katholiken oder Polen etwas schmunzeln müssen, wenn sie von Kartoffelsalat und Würstchen zu Heiligabend hören. Aber das ist eben die Tradition. Natürlich bleibt immer sehr viel übrig vom Essen, sodass wir bis Silvester von den Resten der Feiertage gut leben können. Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf das kommende Weihnachten 2016!

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Kommentare

  1. Leave a Reply

    Izabella Aurich
    7. April 2017

    Hallo!!
    Ich habe heute diese Seite mir angeschaut und möchte gerne was klar stellen😬
    Um Gottes Willen Callamarie , Meeres
    Früchte!! Da dreht sich meine Oma im Graben um😦 es hat nichts am Weihnachtsfest im Polen zu suchen!!! Ausserdem wenn vielleicht ein Italienischer Gast dabei wäre.

    • Leave a Reply

      Artur Jagiello
      8. April 2017

      Vielen Dank. Der Vollständigkeit wegen sollten Sie aber auch die Oliven und die gefüllten Eier erwähnen. Das polnische Weihnachtsessen modernisieren wir schon immer, behalten aber die Klassiker. Wenn wir es ganz traditionell nehmen wollen, dann würde auch nicht ein Karpfen, sondern der Zander auf dem Tisch liegen. Denn lange her wurden deutlich mehr Zander gefangen als Karpfen, weswegen er sogar eine Arme-Leute-Fisch war. Heute ist es fast umgekehrt. Übrigens, meiner Oma schmeckt es sehr gut. Also, Tradition pflegen ist gut und wichtig, es sollte aber auch kein Käfig sein. Pozdrawiam!

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